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Datum: 20.05.2013
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Demokratie in der Krise
Demokratie in
der Krise – Bestandsaufnahme
Es gibt viele aktuelle Erscheinungen, die uns zeigen, dass sich die
Demokratie in einer sehr ernsthaften Krise befindet.
Aktuellste Begebenheit ist die Verabschiedung des Europäischen
Stabilitätsmechanismus (ESM) und des Fiskalpaktes Ende letzter
Woche. Im Schatten der EM wurde das Gesetz in Bundestag und
anschließend in der Nacht vom Freitag auf den Samstag vom
Bundesrat entschieden.
Warum
läuft das so geheimnisvoll ab ?
Viele Leute haben schon von ESM und Fiskalpakt gehört, aber es
kostet viel Kraft, sich ständig zu informieren und sich mit
den eigentlichen Auswirkungen zu beschäftigen, wo uns doch der
Alltag schon zu Genüge beansprucht.
Kurz zusammengefasst: beim ESM handelt es sich um die
Ermächtigung eines EU-Gremiums, Mittel für die
Rettung hoch verschuldeter,insolvenzgefährdeter EU-Staaten aus
einem Etat bereitzustellen, der im Moment ca. 700 Mrd €
(Stammkapital) umfasst.
Das Geld wird vom Kapitalmarkt beschafft, die Nationen haften mit ihrem
Anteil für die Kapitalaufnahme. Können die
notleidenden Länder die gesamtschuldnerisch aufgenommenen
Kredite nicht zurückzahlen, zahlen die übrigen
haftenden Länder. Die Anteile der notleidenden Länder
am ESM wird zudem auf die verbliebenen zahlungsfähigen
Länder umgelegt. Tritt der Domino-Effekt ein (bereits 5
Länder sind ‚umgefallen’),
beißen den letzten die Hunde. Das könnte dann
Deutschland sein, das für alle haftet und zahlt, bis es
zusammenbricht.
Im ESM-Gremium sitzen die Finanzminister der Länder der
EU-Währungsunion, die nach Beschluss unbegrenzt weitere Mittel
von ihren Staaten verlangen können. Es ist bereits die Rede
davon, den Fonds auf 1,5 Billionen € aufzustocken.
Diese beträchtlichen Mittelflüsse aus den
Ländern bedürfen nicht mehr der Zustimmung des
Parlaments, dessen Königsrecht das Haushaltsrecht ist. Das
Wort ‚Königsrecht’ nimmt historisch Bezug
darauf, wie einst die Volksvertreter dem König dieses Recht
abgerungen haben, um seine Macht zu begrenzen.
Ist das jetzt
ein Zeichen von Fortschritt, dass das Parlament die Macht wieder abgibt
?
Um zunächst eine Vorstellung von den
Größenordnungen der Gelder zu bekommen: Deutschland
ist bezogen auf die Startsumme von 700 Mrd € mit ca. 190 Mrd
€ dabei, das ist 2/3 des jährlichen
Bundeshaushaltes.
Es handelt sich also bereits beim Startkapital um einen gigantischen
Beitrag, den wir zu zahlen haben. Aber das ist ja erst der Anfang.
Der absolut ungeheuerliche Aspekt dabei ist, dass das Parlament, die
Gesetzgebung bei diesen Geldtransaktionen ausgehebelt ist. Mit anderen
Worten: die Gewaltenteilung ist bezogen auf diese Thematik bis auf
weiteres aufgehoben. Der Finanzminister (Regierung/
Exekutive) im ESM-Gremium (z.Zt. Herr Schäuble oder
dessen Vertreter) bestimmt für Deutschland !
Dem, der in Geschichte aufgepasst hat, fällt ein, dass es
schon mal eine begrenzte Aufhebung der Gewaltenteilung gab, und zwar
mit Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, das dem
Nationalsozialismus zur unumschränkten Macht verhalf.
Was macht das
mit Ihnen ?
Diese Ermächtigung weicht das Grundgesetz auf, setzt es in
wesentlichen Bestimmungen außer Kraft, ohne dass man von
einer Grundgesetzänderung sprechen müsste.
Das nenne ich
‚effizientes Regieren’. Endlich kann der
Finanzminister durchstarten und muss sich nicht mehr an
lästige grundgesetzliche Regeln halten.
Nach Artikel 20 Grundgesetz geht alle Macht vom Volke aus
(über Wahlen und Abstimmungen). Welche Macht bleibt da noch,
wenn kein Geld mehr da ist zum Gestalten des Gemeinwesens ?
Der Fiskalpakt, der mit dem ESM verabschiedet wurde, tut ein
übriges.
Er schränkt das Haushaltsrecht zum einen über starre
Regeln (z.B. die “Schuldenbremse”) und automatische
Sanktionen bei Verfehlungen ein. Zum anderen erhält aber auch
die nicht demokratisch gewählte Europäische
Kommission ein großes Mitspracherecht: alle Länder,
deren Neuverschuldung über 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) oder deren Schulden über 60 Prozent des BIP liegen,
müssen ihre Haushaltsgrundsätze künftig von
der Kommission genehmigen lassen. Wenn dieser die Politik der
gewählten Parlamentarier nicht passt, kann sie ein Veto
einlegen !
Da wir den Weg
zum mündigen, demokratischen Bürger anstreben, ist
der 1. wichtige Schritt, sich diese Sachverhalte mal so richtig auf der
Zunge zergehen zu lassen !
Zu den Themen ESM und Fiskalpakt möchte ich noch
ergänzen, dass es noch eine Hoffnung gibt, den unheilvollen
Wege Deutschlands aufzuhalten; diese Hoffnung beziehe ich aus den
anstehenden Verfassungsklagen, die 1 Minute nach Verabschiedung des
Gesetzes durch den Bundesrat beim Bundesverfassungsgericht (BverfG)
eingelegt wurden.
Bei einer der Klagen sind Herta Däubler-Gmelin und Christoph
Degenhart Prozessbevollmächtigte. Während bereits
zuvor eingereichte Klagen vom BverfG (1 Klage davon von 5 Leuten, u.a.
dem Staatsrechtler Schachtschneider) abgewiesen wurden,
bleibt trotzdem noch eine Chance, dass die von Däubler-Gmelin,
einer gefürchteten juristischen Koryphäe
geführte Klage Durchschlagkraft hat.
Im Erfolgsfall kommt es dann zur Volksabstimmung.
Bereits getätigten Meinungsumfragen zufolge ist zu erwarten,
dass die Bürger mehrheitlich gegen den ESM abstimmen werden.
Wenn ESM und Fiskalpakt hingegen Realität werden, werden wir
unendliche Summen zahlen, bis das Kartenhaus zusammenbricht.
Können
Sie sich vorstellen, dass wir das Geld dann jemals
zurückbekommen ?
Bis dahin ist der Anteil der Bürger, denen es nicht mehr gut
geht bzw. die Verarmung – um dieses unschöne Wort
mal zu verwenden - deutlich größer geworden.
Aber ich möchte mich nicht eindimensional am ESM-/
Fiskalpakt-Thema festbeißen. Schließlich gibt es
noch andere Phänomene als Beleg für die Demokratie in
der Krise.
Denken wir mal an den Lobbyismus. Das schlichte Vorhandensein von
Lobbygruppen ist nicht das, was ich verurteile. Nähmen die
verschiedenen Interessengruppen in einem ausgewogenen
Verhältnis Einfluss, so wäre das gesund.
Aber hier geht es darum, dass mächtige Akteure und
Organisationen, unabhängig voneinander oder teilweise sogar
miteinander verflochten im Rücken der demokratischen
Öffentlichkeit die Wirklichkeit nach ihren eigenen Interessen
gestalten.
Vorletzten Samstag war ich auf einem Vortrag eines Wissenschaftlers der
Universität Köln, der sich intensiv mit diesem Thema
auseinandergesetzt hat und es am Beispiel der Bertelsmann –
Stiftung beleuchtet hat. Es war ein 1-stündiger komprimierter
Vortrag. Es wurde sehr schön dargestellt, wie stark und
strategisch ausgeklügelt dieser in Deutschland, Europa und
Nordamerika präsente, sich wissenschaftlich gebende
Mediengigant wirkt.
Die vielen Reformen in unserem Schul- und Hochschulwesen wurden von
dieser Stiftung eingeleitet. Zahlreich zum Vortrag erschienene Lehrer
konnten ein Liedchen davon singen, was es bedeutet, von den
Reform-Experten bevormundet zu werden nach dem Motto: Deine
Fähigkeiten reichen nicht – Du brauchst einen
Experten an Deiner Seite. - Wie gut oder geradezu gnädig, dass
Bertelsmann die dem Staat in selbstloser Hilfsbereitschaft vorgibt. -
Aber auch die Hörer, welche bereits beruflich mit der Existenz
der Stiftung konfrontiert sind, machte der Inhalt des Vortrages sehr
betroffen, wenngleich der Wissenschaftler einen eher kabarettistisch
angehauchten Vortragsstil gewählt hatte, um die
Hörerschaft nicht emotional zu überfordern.
Hier einige
Highlights, die der Vortragende uns vor Augen führte:
Hannelore Kraft (SPD) hat gemeinsam mit der Stiftung das Programm
– Kein Kind zurücklassen – als
Schlüsselprojekt von Sozial- und Bildungspolitik auf den Weg
gebracht. Parallelen in Titel und Konzept zu George W. Bushs
–No child left behind – scheinen für die
Sozialdemokraten kein Hinderungsgrund zu sein, der sie von einer
Zusammenarbeit mit dem mächtigen privaten Akteur abhalten
könnte.
Auch Schulministerim Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die
Grünen) hat keine Bedenken, einen Vertrag mit der Stiftung zu
schließen, in dem die Lehrerfortbildung konzeptionell der
Stiftung übertragen wird, während das Land die Mittel
und Durchsetzungshierarchien zur Verfügung stellt. Das nenne
ich gelungene Kooperation für Bertelsmann, die nur mit einem
schwachen Staat gehen kann.
Wie
würden Sie sich privat vorkommen, wenn Sie mit einem Freund
einen Deal machen, bei dem der bestimmt und sie zücken nur
noch den Geldbeutel ?
Die Stiftung geht bereits von der Grundstrategie sehr intelligent vor,
indem sie nicht selbst Politik macht, sondern die Politik andere unter
ihr machen lässt. Damit ist sie nicht der Adressat, an den
sich Kritik richten kann.
So lässt sie die Kulissen
der Demokratie stehen und auch die politische Folklore wie
Wahlen, Parlamentsdebatten und Skandalrücktritte werden nicht
angetastet.
Bundeskanzlerin Merkel, EU-Kommissionspräsident Baroso und
viele andere internationale Politiker, Vertreter aus Medien, Wirtschaft
und Kultur, sind gerne zu Gast, wenn die Stiftung in ihre
‚Botschaft’ Unter den Linden in der Nähe
des Brandenburger Tors ruft.
‚Unser’ Bundespräsident Gauck feierte 2010
seinen 70. Geburtstag in Gesellschaft von Liz Mohn (Ehefrau des
verstorbenen Gründers Reinhard Mohn der Bertelsmann-Stiftung)
und Angela Merkel in der noblen Repräsentanz.
Nobel geht die
Welt zugrunde – der sonst eher in harmlosem
Kontext verwendete Spruch stößt einem hier ganz
schön bitter auf.
Man arbeitet auf allen Ebenen (Kommune, Land, Bund, EU) mit allen
etablierten Parteien (außer den Linken) zusammen, kooperiert
mit Unternehmen, Kirchen, Gewerkschaften, Verbänden, anderen
Stiftungen und think-tanks. Ob diese offensichtliche
Überparteilichkeit allerdings bedeutet, dass die Stiftung
unparteiisch ist, darf bezweifelt werden.
Der Kirche gibt die Stiftung handfeste Messkriterien an die Hand. So
soll für die Bewertung der seelsorgerlichen Arbeit der Pfarrer
die Taufquote als Indikator herangezogen werden.
Viele Begriffe werden von Bertelsmann in die öffentliche
Debatte eingespeist:
Zukunftsfähigkeit, Effizienz, Inklusion, Kulturinfarkt,
Alternativlosigkeit.
Über ihre Sender RTL und RTL II werden die Gehirne medial
gewaschen.
Die Ruck-Rede des ehem. Bundespräsidenten Roman Herzog wurde
auch von Bertelsmann geschrieben. Eine weitere Methode der Stiftung, um
die politische Agenda zu beherrschen.
Ich
hätte Herrn Herzog nicht so eingeschätzt, dass er
sich so weit herablässt und als ablesende Marionette
dient !
Über das Prinzip ‚Herrsche und teile’
werden Interessenvertreter gegeneinander ausgespielt, so dass man
Entscheidungen durchsetzen kann, obwohl eine Mehrheit dagegen ist; diese Mehrheit wird aber
durch Vereinzelung daran gehindert, zueinander zu finden !
Solche demokratiezersetzenden, bösartigen Tumoren gleichende
Erscheinungen werden aber nicht in der Öffentlichkeit
diskutiert, denn die öffentliche Debatte wird ja auch durch
diese Giganten gesteuert.
Diese Tatsache
belegt noch mal mehr, wie verfahren und vertrackt die Situation ist und
wie es um die Demokratie steht .
Es ist aber noch nicht zu
spät. Wenn wir die Angst überwinden und der Wahrheit
ins Gesicht sehen und uns entscheiden, aus der Komfortzone
herauszugehen, können wir noch was bewirken.
Nur: je länger
wir warten, desto weiter spitzt sich die geschilderte Lage zu und die
Umkehr wird immer schwieriger.
Es informierte Sie:
Anette Schumacher
2. stellvertretende Bundesvorsitzende
der Partei ‚FREIE UNION’
|
| geschrieben am: |
20.09.2012 |
| gelesen: |
704 |
| Autor: |
Anette Schumacher |
| Seiten:
1 |
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Helga Hummel Bundesvorsitzende Telefon: 07332 / 92 49 888 E-Mail: bundesvorsitz@freieunion.de
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